Ansteckend: Die Launen der anderen

Die euphorische Freundin, der fluchende Kollege: Fremde Emotionen können unser eigenes Gemüt ganz schön aus dem Takt bringen. So lässt du dich weniger von negativen Stimmungen beeinflussen.

Manchmal ist es schwer sich nicht von den Launen der Anderen anstecken zu lassen. So schützt du dich gegen die Gefühlsansteckung.

Ein Gastbeitrag aus PSYCHOLOGIE bringt dich weiter von Marloes Zevenhuizen

Sich von fremden Emotionen berühren lassen: In der psychologischen Literatur nennt man das Emotional Contagion, Gefühlsansteckung. Elaine Hatfield von der University of Hawaii und ihre Kollegen John Cacioppo und Richard Rapson erforschen dieses Phänomen. Ihrer Ansicht nach tritt Gefühlsansteckung ganz von selbst auf; automatisch und oftmals unbewusst übernehmen wir die Gefühle anderer.

Das Kopieren guter Gefühle scheint nur Vorteile zu bringen. Studien der Yale University etwa belegen, dass Kollegen besser zusammenarbeiten, wenn sie die positiven Emotionen anderer übernehmen; sie haben weniger Konflikte und das Gefühl, mehr zu leisten. Unangenehm wird es erst bei negativen Gefühlen – aber gerade diesen gegenüber sind wir, so die Forschung, am empfänglichsten.

Was ist der größte Nachteil der negativen Gefühlsansteckung? Ganz einfach: „Wenn andere leiden, leiden Sie auch“, sagt Elaine Hatfield. So geht aus einer Studie hervor, dass Studenten mit einem depressiven Mitbewohner selbst ein erhöhtes Risiko haben, eine Depression zu entwickeln. Und eine Studie unter dem Pflegepersonal eines Krankenhauses zeigt, dass Gefühlsansteckung zu emotionaler Erschöpfung und weniger Engagement im Job führt. Laut dieser Studie schadet es unserem Wohlbefinden extrem, wenn wir unsere Emotionen nicht von denen unterscheiden können, die wir uns bei anderen „eingefangen“ haben.

Auch am Arbeitsplatz kann Gefühlsansteckung verheerend sein, stellen amerikanische Forscher in The Leadership Quarterly fest: Eine einzige sehr negative Interaktion zwischen einer Führungskraft und einem Mitarbeiter kann sich nicht nur durchs ganze Team ziehen, sondern sich wie ein Ölfleck im gesamten Unternehmen ausbreiten.

Autor Tony Schwartz beschreibt in seinem Blog, wie ihm Derartiges passierte, als er eine neue Führungskraft einstellte, die sich als schwerer Pessimist entpuppte. „Ich wurde immer misstrauischer und gestresster, und auch andere in unserem Team reagierten angespannt. Die produktive Atmosphäre versickerte.“ Seine Schlussfolgerung: „Die Emotionen, die Menschen mit zur Arbeit bringen, sind ebenso wichtig wie ihre Fähigkeiten.“

Klinische Psychologen wissen schon lange, dass die eigene Stimmung unbewusst von der Laune anderer beeinflusst wird, sagt Psychologe Paul Thornton: „Freud nannte das ,Übertragung‘.“ Wie man sich dagegen wappnen könne, habe dieser jedoch nicht gewusst, meint Thornton. „Er sagte, das Beste, worauf ein Therapeut hoffen dürfe, sei, dass man sich dieser bewusst würde.“

Aber nicht jeder reagiert gleich stark auf die Stimmung anderer. So kann sich der eine gelassen einen herzzerreißenden Film ansehen, während der andere ständig das Taschentuch zückt. Menschen, die anderen stark zugewandt sind, reagieren auf fremde Emotionen besonders sensibel, sagt Elaine Hatfield. Bemerkenswert ist auch, dass extrovertierte Personen, die ihre Antennen mehr nach außen richten, empfänglicher sind, genauso wie Leute, die nonverbales Verhalten gut interpretieren können.

Es gibt auch Unterschiede zwischen den Geschlechtern, stellte Hatfield mit Kollegen in einem Experiment fest. Die Forscher zeigten Männern und Frauen Videoclips, in denen ihnen unbekannte Personen sich an bewegte Lebensphasen erinnerten. So erzählte eine Frau von einem wunderbaren Urlaub, aber auch von dem Tag, an dem ihre Großmutter mit einem Herzinfarkt ins Krankenhaus kam. Aus dem Experiment ging hervor, dass Frauen stärker von den Emotionen der Unbekannten „angesteckt“ wurden als Männer. Laut der Forscher liegt das daran, dass Frauen von klein auf mehr lernen, auf die Gefühle anderer zu achten. Übrigens sind wir nicht für die Emotionen aller Mitmenschen gleich empfänglich: Je intensiver unsere Bindung zu jemandem, desto größer ist die Chance, dass wir seine Emotionen kopieren.

Man könnte meinen, es habe viele Nachteile, dass unser Gefühlsleben der Spielball anderer ist. Hatfield glaubt jedoch, dass die automatische Übernahme fremder Emotionen eine äußerst wichtige Funktion erfüllt: Sie ist die Voraussetzung, um empathisch zu sein, und unabdingbar, um Mitgefühl mit anderen haben zu können. „Wir können mit verschiedenen Methoden herausfinden, was in unseren Mitmenschen vor sich geht. Analytische Fähigkeiten, die wir bewusst einsetzen, können uns verraten, was andere bewegt. Aber auch wenn wir in Gesellschaft anderer genau auf unsere eigenen Gefühle achten, liefert uns das viele Informationen über ihre emotionale Verfassung.“

Du gehörst zu den empfindsamen Typen und möchtest dich von fremden Emotionen weniger stark beeinflussen lassen? Das kannst du tun:

Kenne dein eigenes Temperament

Wer weiß, dass er für fremde Stimmung empfänglich ist, kann sich vorbereiten, sagt Forscherin Elaine Hatfield. „Empfindsame Menschen können andere besser verstehen, aber nach einer Weile sind sie erschöpft.“ Sorge daher rechtzeitig für ein Time-out, schränke etwa Familienbesuch an Feiertagen ein, wenn dann immer viele negative Gefühle in der Luft sind. Weniger empfindsam zu sein bietet laut Hatfield den Vorteil, dass man weitaus länger in einer emotionsgeladenen Situation verweilen kann. Der Nachteil ist, dass man womöglich weniger gut auf andere eingestellt ist.

Mitgefühl üben

Bewusstwerden allein reicht nicht, meint Hirnforscherin Tania Singer. Um zu verhindern, dass man von unangenehmen Secondhand-Emotionen überflutet wird, braucht es Mitgefühl: Wärme und Sorgsamkeit, ohne dabei direkt die Gefühle der anderen zu übernehmen.

Singer entdeckte in einem Experiment, dass Mönche Meister darin sind. Als sie sich Filme schmerzgeplagter Menschen ansahen, leuchteten bei den Mönchen die Hirnareale auf, die mit „sich kümmern“ zu tun haben, und nicht diejenigen, die mit unangenehmen Gefühlen wie Schmerz zusammenhängen. Letzteres geschah aber bei anderen Versuchspersonen. Singers Rat: Meditiere! Dabei lerne man, Leid auf derart mitfühlende Art zu betrachten.

Gehe auf Distanz

Hat dir das Zusammensein mit einer bestimmten Person viel Energie gekostet? Gehe auf Abstand – und betrachte die Interaktion zwischen euch beiden, als schautest du einen Film an. Forscher Daniel Rempala zeigte Versuchspersonen Filme von frohen oder betrübten Menschen. Sie sollten so tun, als seien sie Therapeut und führten ein Gespräch mit der Person im Film. Rempala entdeckte, dass Dissoziation, also die Fähigkeit, sich selbst mental außerhalb des Geschehens zu stellen, zur Folge hatte, dass man von den Emotionen anderer weniger berührt wird, als wenn man versucht, in ihre Haut zu schlüpfen.


PSYCHOLOGIE bringt dich weiter aus dem Hamburger Verlag Inspiring Network ist ein psychologisches Magazin „zum Anfassen“ und erscheint alle zwei Monate. Mit Interviews, Tests, 
Hintergrundgeschichten und Reportagen, die den Leserinnen und Lesern die aktuellsten Erkenntnisse aus der Psychologie näherbringen und zeigen, wie sich diese für das eigene Leben nutzen lassen. Ein Magazin, das mit kreativen Ideen beflügelt, neue psychologische Ansätze ausprobiert, von Menschen erzählt, die Bewegendes erlebt haben – und dabei einfach  Spaß macht, auch im Internet www.psychologiebringtdichweiter.de.

 

Wie hat dir der Artikel gefallen? Auf einer Skala von 1 (nicht so gut) bis 5 (sehr gut).

1 2 3 4 5

Einfach loslegen mit Moodpath

Lade Moodpath kostenlos herunter und beginne mit dem Depressions-Screening. Oder probiere eine Tagesübung aus.