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Raus aus der Tabu-Ecke: Mit einer Depression bist du nicht allein

Depressionen sind weiter verbreitet als man denkt. Und sie treten auch in leichteren Formen auf. Warum eine Depression kein „seelischer Schnupfen“ ist und sich niemand dafür schämen sollte.

Hände, die sich gegenseitig unterstützen - Tabu einer Depression gemeinsam bekämpfen

 

Sogar in Fachkreisen erhielt die Depression einmal den Zusatz der „gewöhnlichen Erkältung der Psychopathologie“. Was als harmloser Vergleich daherkommt, kann sehr kränkend sein. Zumindest für eine Person, die tatsächlich hoffnungslos niedergeschlagen und antriebslos ist und womöglich gar Suizidgedanken hegt. Schließlich ist ein Zustand, in dem man keine Freude mehr empfindet, sich wertlos fühlt oder sich gar den Tod wünscht, auch nicht annähernd gleichzusetzen mit den Schlappheitssymptomen einer einfachen Erkältung. Dennoch macht der so harmlos anklingende Vergleich mit der Erkältung auf eines aufmerksam: die Häufigkeit und Verbreitung von Depressionen, weshalb sie auch häufig als „Volkskrankheit“ beschrieben wird.

Pro Jahr leidet in Deutschland jeder Zwölfte an einer depressiven Episode

Die Depression gehört zu den häufigsten psychischen Erkrankungen in Deutschland. Pro Jahr leiden durchschnittlich elf Prozent der Bevölkerung an einer depressiven Störung. Rechnet man bipolare Störungen hinzu, bei denen sich Phasen manisch überhöhter Stimmung mit depressiven Episoden abwechseln, sind es sogar zwölf Prozent. Anders ausgedrückt, leidet jährlich jede neunte Person in Deutschland an einer depressiven Erkrankung. Der Großteil davon erlebt eine sogenannte depressive Episode oder auch Major Depression.

Mit dem Wort „Depression“ ist eine „depressive Episode“ gemeint

Wenn Fachleute vereinfachend von „Depression“ sprechen, meinen sie in der Regel eine depressive Episode. Der Begriff deutet schon an, dass es sich bei einer Depression um eine Phase handelt. Mit der richtigen Behandlung geht diese Phase also auch wieder vorbei. Auch wenn es abwegig und ausweglos erscheint, während man sich in der Negativspirale befindet: In den meisten Fällen kommen wieder ganz normale und auch schöne Zeiten. Ohne psychotherapeutische Behandlung kann eine depressive Episode jedoch mehrere Monate, in Extremfällen auch Jahre andauern. Die Krankheit tritt in jedem Lebensalter auf, wobei sie bei Kindern geringfügig andere Symptome aufweisen kann.

In bis zu 80 Prozent der Fälle kehren depressive Episoden phasenweise zurück. Solche wiederkehrenden depressiven Störungen nennt man auch rezidivierende Depression. Doch auch wenn das Rückfallrisiko hoch ist – eine depressive Episode ist eine Erkrankung, die eine sehr gute Aussicht auf Heilung hat. Wenn die depressive Episode überstanden ist, finden die meisten Menschen zu einem Leben zurück, in dem sie unbeschwert sind und die ganz gewöhnlichen Höhen und Tiefen des Lebens erfahren – ohne den grauen Schleier der Depression.

Man unterscheidet leichte, mittelgradige und schwere Depressionen

Eine depressive Episode kann leicht, mittelgradig oder schwer sein. Nach dem international anerkannten medizinischen Klassifikationssystem ICD-10 hängt der Schweregrad einer Depression von der Anzahl der Kern- und Zusatzsymptome ab.

So unterscheiden sich leichte, mittelgradige und schwere Depressionen:

Schweregrad

leichte depressive Episode mittelgradige depressive Episode schwere depressive Episode

Anzahl an Symptomen über mindestens zwei Wochen

zwei Kernsymptome und zwei Zusatzsymptome zwei Kernsymptome und drei bis vier Zusatzsymptome drei Kernsymptome und vier oder mehr Zusatzsymptome
Zustand der Betroffenen Die betroffene Person leidet. Private und berufliche Routinen bekommt sie mit Mühe noch hin, auch wenn die Leistungsfähigkeit abnimmt. Die betroffene Person ist so eingeschränkt, dass sie ihren beruflichen und häuslichen Anforderungen nicht mehr nachkommen kann. Eine Betreuung rund um die Uhr wird notwendig, womöglich ein Klinik-Aufenthalt. Es können psychotische Symptome auftreten.

 

Eine leichter ausgeprägte, jedoch chronische depressive Verstimmung nennt man dysthyme Störung oder Dysthymie. Diese beginnt meist im Jugendalter und besteht oft jahrelang ohne große Schwankungen fort.

Dysthymie betrifft mehr als ein Drittel der Diagnosen depressiver Störungen. Sie kann zudem von depressiven Episoden unterbrochen werden. Man spricht in einem solchen Fall von „double depression“.

Once in a lifetime: Hohes Risiko der Einmalerkrankung

Wer hat sich nicht schon einmal „depressiv“ gefühlt? Nahezu jeder Mensch leidet irgendwann in seinem Leben an einzelnen Symptomen einer Depression. Oft sind der Verlust einer geliebten Person oder des vertrauten Umfeldes die Auslöser dafür, sich leer zu fühlen oder furchtbar traurig zu sein. Einfache Trauer lässt jedoch noch keine Diagnose einer Depression zu.

Dennoch: Zwei von zehn Menschen erkranken zu irgendeinem Zeitpunkt ihres Lebens an einer Depression. Für Frauen liegt das Risiko sogar bei 25 Prozent. Für Männer birgt die Depression wiederum andere Herausforderungen. Da sich nicht alle Menschen mit depressiven Symptomen in Behandlung begeben, kann die Dunkelziffer weit höher liegen.

Eine rechtzeitige Diagnose und Therapie sind essentiell

Nur etwa vier Prozent der Fehltage von Arbeitnehmern in Deutschland gehen auf Depressionen zurück. Viele Erkrankte schämen sich leider immer noch für ihre Symptome und geben sich selbst die Schuld, mit ihrem Leben nicht klar zu kommen.

Vor allem eine Erkenntnis ist für Betroffene und ihre Mitmenschen wichtig: Ein Mensch, der in einer depressiven Episode steckt, ist nicht bloß seelisch verschnupft. Mit einfacher Traurigkeit ist eine Depression keineswegs vergleichbar. Oft ist es für Außenstehende äußerst schwer, sich in die Gefühlswelt eines Betroffenen hineinzuversetzen.

Depressive Symptome als solche zu erkennen und sich in professionelle Behandlung zu begeben, ist der erste Schritt zur Genesung. Eine Depression ist eine von Ärztekammern und Krankenkassen anerkannte Erkrankung, die anhand von Screenings eindeutig diagnostiziert wird. Genau wie eine Erkältung – hier stimmt der Vergleich ausnahmsweise – sollte sie nicht verschleppt, sondern vielmehr therapeutisch behandelt werden – mit dem Ziel, das emotionale Gleichgewicht wieder herzustellen und die Freude am Leben neu zu entdecken.

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