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Gefühlstief statt Babyglück: Wenn Mütter depressiv werden

Man ist gerade Mutter geworden, fühlt sich aber alles andere als glücklich? Das ist nicht ungewöhnlich. Nach einer Geburt gibt es viel zu verarbeiten – kein Wunder, dass das oft nicht ganz reibungslos funktioniert. Was aber unterscheidet den „Baby Blues“ von einer postpartalen Depression?

Viele Mütter erleben nach der Geburt den Babyblues oder die sogenannte postpartale Depression.

Stimmungsschwankungen nach der Geburt?

Viele Eltern beschreiben es als den „glücklichsten Moment ihres Lebens“. Der Moment, in dem ihr Baby auf die Welt kommt. Es hagelt Glückwünsche, Ratschläge, Erwartungen und Wünsche, die einer Frau oft ziemlich direkt mitteilen, wie sich eine Mutter in dieser Situation zu fühlen hat. Aber jede Mutter muss ihre ganz persönliche Form von Mütterlichkeit erst kennenlernen – und das wird oft ignoriert. Ein überzogenes Mutter-Ideal ist einer von vielen Gründen dafür, warum der sogenannte Baby Blues oder gar eine postpartale Depression – so nennt man eine Depression, die bei Frauen infolge der Geburt eines Kindes auftritt – lange tabu waren.

Eine Geburt bedeutet Stress für Körper und Psyche. Deshalb ist es alles andere als unwahrscheinlich, danach in ein Stimmungstief zu fallen: Der Baby Blues, teilweise auch schlicht als die „Heultage“ bezeichnet, betrifft etwa 50 bis 70 Prozent der Mütter.

Aufgrund der starken hormonellen Veränderungen setzt der Blues etwa drei bis fünf Tage nach der Geburt ein. Er äußert sich durch starke Stimmungsschwankungen, Empfindsamkeit, häufiges Weinen, Ängstlichkeit, starke Erschöpfung sowie Konzentrations-, Appetit- und Schlafstörungen. Ein postpartales Stimmungstief kann von wenigen Stunden bis zu einigen Tagen anhalten. Meist klingt es „von alleine“ wieder ab und muss nicht behandelt werden.

Vom Baby Blues zur postpartalen Depression

Klingt das Tief nicht innerhalb von zwei Wochen ab, kann es sich um den Beginn einer postpartalen Depression handeln, auch Wochenbettdepression genannt. Wie bei jeder anderen depressiven Episode muss eine gewisse Anzahl an Symptomen über einen Zeitraum von mindestens 14 Tage vorliegen, um von postpartaler Depression sprechen zu können. Anders als die Bezeichnung „Wochenbettdepression“ andeutet, kann sich eine postpartale Depression bis zu zwölf Monate nach der Geburt entwickeln. Etwa 10 bis 20 Prozent der Mütter erkranken daran. Damit ist die Wochenbettdepression die mit Abstand häufigste psychische Erkrankung nach der Geburt.

Was oft verkannt wird: Eine Geburt ist auch für Männer ein Risikofaktor für eine Depression. Laut einer britischen Studie rutschen etwa vier Prozent der Väter nach der Geburt ihres Kindes in eine depressive Episode. Ursachen dafür sind nicht Hormonschwankungen, sondern vielmehr die neue Herausforderung.

Das bisherige Leben und die Beziehung verändern sich zwangsläufig. Viele Männer sehen sich durch die Vaterschaft mit einem neuen Erwartungsdruck konfrontiert. Außerdem kann es vorkommen, dass sie sich aufgrund der anfangs meist engeren Beziehung zwischen Mutter und Kind ausgeschlossen fühlen.

Ein Baby, das weint - Postpartale Depression und Babyblues

Ambivalente Gefühle gegenüber dem Kind

Kennzeichen der postpartalen Depression sind die üblichen Beschwerden einer Depression wie Energiemangel, Traurigkeit, innere Leere, Schuldgefühle, extreme Reizbarkeit, Desinteresse, Teilnahmslosigkeit, Ängste und Konzentrationsstörungen. Zur Hoffnungslosigkeit reihen sich bei einer postpartalen Depression ambivalente Gefühle gegenüber dem neugeborenen Kind. Das kann Schuldgefühle wiederum verstärken. Betroffene einer Wochenbettdepression sind oft sehr streng mit sich selbst und glauben, mit dem Kind nicht liebevoll genug umzugehen.

Babys hören manchmal einfach nicht auf zu schreien, ein wahrer Belastungstest, auch für die Nerven der geduldigsten Eltern. Der Schlafmangel, an den sich junge Eltern zunächst gewöhnen müssen, kann die Symptome zusätzlich verschlimmern. Häufig erleben Betroffene der Wochenbettdepression Zwangsgedanken, die sich mitunter in Tötungsgedanken gegenüber sich selbst oder dem Baby äußern können. Diese Gedanken und Gefühle sind für Betroffene extrem belastend. Sie überhäufen sich mit Vorwürfen und schämen sich oftmals, über ihre Symptome zu sprechen. Gleichzeitig sind Betroffene meist über alle Maßen ängstlich in Bezug auf das Wohlergehen des Babys. Es kann sogar zu Panikattacken kommen. Relativ häufig (in 1-3 von 1000 Fällen) treten bei Müttern nach der Geburt eines Kindes auch psychotische Symptome auf.

Risikofaktoren für eine postpartale Depression

Aufgrund der radikalen Lebensveränderung und der akuten Belastungssituation während und nach einer Geburt kann eine postpartale Depression jede Mutter treffen. Dennoch gibt es bestimmte Risikofaktoren, welche die Umstellung zusätzlich belasten.

Eine Geburt bedeutet für den Körper eine immense Anstrengung. Im Anschluss ist eine Frau erschöpft, kann sich aber in der Regel nicht ausruhen, weil die Bedürfnisse des neugeborenen Babys an erster Stelle stehen. Dazu kommen körperlichen Veränderungen – Bauch, Brüste und Stoffwechsel verändern sich schlagartig. Außerdem spielen die Hormone verrückt: Progesteron- und Östrogenspiegel fallen plötzlich ab, was depressive Stimmungen und Schlafstörungen begünstigen kann.

Frauen, die an prämenstruellen Stimmungsschwankungen leiden, sowie Frauen mit Schilddrüsen-Unterfunktion haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, nach einer Geburt eine depressive Episode zu erleiden. Auch wenn bei einem selbst oder bei Familienangehörigen bereits psychische Erkrankungen – insbesondere depressive Episoden – vorlagen, ist das Risiko höher.

Psychische und psychosoziale Ursachen

Stress, Versagensängste und unerfüllte, oft übertriebene Erwartungen an das Eltern-Dasein können die innere Leere begünstigen. Ein starres Mutter-Ideal ist nicht hilfreich für den Aufbau einer gesunden Beziehung zum neugeborenen Baby.

Erwartungen der Mütter an sich selbst und Erwartungen, die von außen an sie herangetragen werden, können einen hohen Leistungsdruck aufbauen. Frauen fühlen sich den Erwartungen häufig nicht gewachsen, können sich mit dem Bild der glücklichen, perfekten Mutter nicht identifizieren – was wiederum zu Selbstvorwürfen führt. Und wenn das Stillen nicht funktioniert, glauben viele Frauen, in ihrer Rolle als Mutter zu versagen. Besonders gefährdet sind Frauen mit einem hohen Maß an Perfektionismus und Kontrollbedürfnis.

Die neue gesellschaftliche Rolle kann junge Eltern zudem auf einer weiteren Ebene unter Druck setzen: Das Elternwerden wird oft damit verbunden, sich von seiner eigenen Kindheit und Jugend zu verabschieden. Sich selbst nimmt man zurück, die Zeit der fetten Partys ist zunächst einmal vorbei. Liegen noch Defizite aus der Kindheit und Jugend vor, wird es für Eltern schwerer, sich in ihre neue Rolle einzufinden. Auch traumatische Erfahrungen in der eigenen Kindheit stellen ein Risiko dar.

Wer zuvor berufstätig war, kann die Elternzeit als Isolation wahrnehmen. Eltern, die weiterhin arbeiten, sind dahingegen einer Doppelbelastung ausgesetzt: Auf der Arbeit müssen sie trotz Schlafmangel funktionieren, zu Hause sind sie erschöpft und stehen den Bedürfnissen eines kleines Lebewesens gegenüber, das sie zunächst einmal kennenlernen müssen.

Vorbeuge durch Vorbereitung

Viele Einflüsse spielen eine Rolle, ob eine Mutter oder ein Vater nach der Geburt ihres Kindes in ein Loch fallen: Ist man gerne Mutter oder Vater geworden? Hat man sich ausreichend auf die Geburt und die darauf folgende Zeit vorbereitet? Erfährt man genug Unterstützung vom Partner und aus dem sozialen Umfeld oder fühlt man sich mit der neuen Aufgabe allein gelassen?

Wenn ein ganz gewöhnlicher Baby Blues nicht mehr abklingt oder wenn sich auch eine Weile nach der Geburt das Gefühl von Niedergeschlagenheit und Gefühlslosigkeit einstellt, sollten Alarmglocken klingeln: Eine postpartale Depression kommt viel häufiger vor als man denkt, bleibt jedoch leider oft unerkannt. Für die depressive Stimmung muss sich niemand schämen. Im Gegenteil: Eine postpartale Depression ist eine durch starke Veränderungen bedingte Erkrankung, die bei jeder Frau auftreten kann. Und je früher die Krankheit diagnostiziert wird, desto schneller und besser lässt sie sich behandeln.

Auch eine Behandlung kann helfen

Frauen mit Wochenbettdepression fragen sich oft, ob sie ein Leben lang bereuen werden, Mütter geworden zu sein. Eine postpartale Depression bedeutet nicht zwangsläufig, dass eine Frau ihre Mutterschaft bereut. In keinem der beiden Fälle hat die mütterliche Stimmungslage damit zu tun, dass die Mutter ihr Kind nicht liebt. Vielmehr ist der Zugang zu ihren Gefühlen blockiert. Bei einer Behandlung geht es darum, diesen wieder herzustellen. Eine medikamentöse Therapie kann zudem helfen, das neurobiologische Gleichgewicht wiederherzustellen. Wenn sich die betroffene Mutter – oder auch der betroffene Vater – besser fühlt, wirkt sich das letztendlich positiv auf die Beziehung zum Kind, aber auch auf die Partnerschaft aus.

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