Die Timeline der anderen: Wie hältst du es mit Social Media an schlechten Tagen?

Hilft der soziale Kontakt via Social Media? Oder verstärkt die „fear of missing out“ gar die seelische Last? Die Gretchen-Frage zu Social Media und Depression bietet sehr unterschiedliche Antworten.

Wir werden immer mehr reingesogen von Social Media

 

Den Sonntagnachmittag füllt Leere. Jede Aktivität kostet unendliche Mühe. Vielleicht hat sich auf Facebook etwas getan? Das Smartphone liegt griffbereit. Nur ein ganz kurzer Blick auf die Timeline der Anderen. Sich noch einmal von den Neuigkeiten füttern lassen, die alle so bereitwillig präsentieren. Sich noch einmal die Bestätigung holen, wie viel interessanter und schöner das Wochenende von anderen war.

Jedem, der regelmäßig Facebook, Instagram & Co. nutzt, dürfte das Gefühl schon einmal begegnet sein: der Neid auf die Timeline der Anderen. Man weiß zwar, dass sich in der virtuellen Realität jeder im besten Licht präsentiert. Was aber, wenn man selber so unglücklich ist, dass man diese Unterscheidung nicht mehr hinbekommt? Dass man objektiv zwar weiß, dass Facebook-Posts keine reellen Abbilder des Lebens sind – dies aber nicht mehr glaubt?

Social Media und Depressionen – ein „Seelenfresser“?

So zumindest ging es der Journalistin Kati Krause, als sie mitten in einer Depression steckte. Berufsbedingt war sie ohne Pause auf Twitter und Facebook unterwegs gewesen. Viel zu lange, wie sie heute sagt. Heute redet sie offen über den Grund, warum sie Social Media Apps eines Tages radikal von ihrem Smartphone entfernt hat. Sie habe passiv auf dem Sofa gelegen und sich zu nichts mehr aufraffen können. Kraftlosigkeit ist eines der Symptome von Depression.

Ein Griff zum Smartphone, ein Blick auf Facebook, dann Twitter und Instagram, und wieder von vorn – das waren Aktionen im Rahmen der Möglichkeit. Immer wieder habe sie ihre Newsfeeds aktualisiert, ein Ende habe sie nie gefunden. Während einer depressiven Episode fällt es sehr schwer, Entscheidungen zu treffen. Daher habe es Kati Krause nicht mehr geschafft, das Handy wegzulegen. Und das, obwohl es ihr förmlich Schmerzen bereitet hat. Waren alle anderen wirklich so viel glücklicher, hatten so viel erfülltere Leben, erlebten so viel mehr, während sie es selbst vom Sofa kaum in die Küche schaffte? Die unechte Kommunikation auf Social Media habe ihr „so richtig die Seele zerfressen“.

Mit einem "Like" Gassi-gehen - Die Verbindung zwischen Depression und Social Media

Neid auf das frühere Facebook-Ich

Das Wissen, dass der Auftritt in sozialen Netzwerken viel mit Selbstdarstellung zu tun hat, nützte Kati Krause in dem Zustand überhaupt nichts. Sie fing sogar an, auf ihr früheres Facebook-Ich neidisch zu sein. Früher war sie doch auch eine von denen, die witzige Sprüche und Fotos postete, die zu allem etwas zu sagen hatte. Die eigenen Posts von früher oder die von anderen zu lesen, wurde nun zur größten Qual. Selber konnte sie auch nicht mehr posten – ihre Konzentration reichte nicht aus. Allein der Gedanke daran, halbwegs intelligente 140 Zeichen für die Öffentlichkeit zu formulieren, versetzte sie in Stress.

Social Media als Ort der Selbsthilfe und soziale Stütze

Der Informatiker Uwe Hauck hat einen anderen Weg gewählt: Auch er hatte mit Depressionen zu kämpfen. Auf der re:publica 2016 erzählt er ehrlich von seinem Suizidversuch und wie seine Frau ihm das Leben gerettet hat. Heute sei er dankbar und froh darüber. Nach seinem Suizidversuch wurde er in eine Klinik eingewiesen und dort behandelt. In seinen Netzwerken klopften seine Kontakte an, was los sei, warum er seit Tagen nichts gepostet habe.

Er stand vor der Entscheidung: Sollte er offen über seinen Zustand sprechen, sich eine Maske aufsetzen oder sich lieber ohne Erklärung in Schweigen hüllen? Er entschied sich für die offene Variante. In seinen Netzwerken spricht er freizügig von seiner Depression, noch in der Klinik begann er, unter dem Hashtag #ausderklapse zu twittern. Anfang 2017 erscheint sein Buch „Depression abzugeben“, mit Geschichten aus dem Alltag der Psychiatrie.

Die Kommunikation über Social Media habe ihm während der depressiven Episode gut getan, gerade weil er persönlichen Kontakt mit Freunden in dieser Phase gar nicht ertragen habe. Seine sozialen Netzwerke wiederum seien für ihn zu einer wichtigen Stütze geworden. Von seinen Kontakten habe er virtuell Feedback, Ermutigung und Unterstützung bekommen. So habe er andere Betroffene kennengelernt und die tiefe Überzeugung gewonnen, mit seiner Depression nicht alleine zu sein.

Tipp: Überlege gut, wie öffentlich du dein Social-Media-Profil gestalten willst

Vielleicht ist genau das der springende Punkt: Und zwar, wie man den eigenen Social-Media-Auftritt ansieht. Ist er öffentlich oder privat? Wie authentisch kann man sich zeigen? Wie viel gibt man wirklich von sich preis? Das sind Fragen, die jeder für sich selbst beantworten muss.

Besonders zentral wird die Social-Media-Frage für Menschen, die sich in einer depressiven Episode befinden. Wie will man sich in sozialen Netzwerken präsentieren? Schafft man den Absprung oder verzettelt man sich unnötig auf den Profilen anderer Menschen? Schließlich führt jeder Klick potenziell zu einem nächsten.

Was die Forschung zu Depression und Social Media sagt

Tatsächlich hat eine in den USA vom „National Institute for Mental Health“ finanzierte Studie bei jungen Erwachsenen eine starke und signifikante Verbindung zwischen erhöhter Social-Media-Nutzung und Depression festgestellt. Die Studie fand heraus, dass die Depressionswerte der Studienteilnehmer stiegen, je mehr Zeit sie mit Social Media verbrachten und je öfter sie Social Media Seiten aufriefen. Ob der Zusammenhang damit zu tun hat, dass Menschen mit einer Depression mehr Zeit in sozialen Netzwerken verbringen, oder ob ein übermäßiger und unkontrollierter Umgang mit Social Media verstärkt Depressionen auslösen kann, ist jedoch nicht geklärt.

Letztendlich ist gewiss die Art und Weise des Umgangs mit Social Media entscheidend. Wer die Netzwerke insbesondere beruflich nutzt, wird sich schwerer tun, seine virtuellen Schutzgewänder fallen zu lassen. Wessen Facebook-Freunde im wahren Leben eher Networking-Kontakte darstellen, wird sich gut überlegen, ob er auf dieser Plattform zum Beispiel von einer Depression erzählt. Bei einem Durchschnitt von 350 Facebook-Freunden ist es kein Wunder, dass man nicht vor jedem einzelnen davon sein Privatleben offenlegen möchte.

Der Schlüssel zum Glück: echte Kommunikation

Wem die Social-Media-Nutzung zur Last wird und zugleich nicht wie Kati Krause den kompletten Cut herbeirufen möchte, der steht vor der Aufgabe, einen zufriedenstellenden Umgang mit den Social-Media-Kanälen zu finden. Eine im September 2016 unter anderem von der Carnegie Mellon University veröffentlichte Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass Facebook bei der richtigen Nutzung sogar zufrieden machen kann. Der Schlüssel zum Glück liegt – ähnlich wie Uwe Hauck es beschreibt – in der Erfahrung sozialer Unterstützung, im Austausch mit Freunden aus dem realen Leben, in der Erfahrung des Helfens.

Ein aufbauender Kommentar oder Chat mit einem Freund ist dabei viel wertvoller als ein Ein-Klick-Feedback in Form eines Likes. Echte Kommunikation ist das Schlüsselwort. Trotz aller Selbstdarstellungstendenzen erfordert eine solche unterstützende Erfahrung eine zumindest halbwegs authentische Präsentation im Netz. Likes allein – die Währung der sozialen Netzwerke – machen nicht glücklich. Während einer depressiven Episode schon gar nicht.

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