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Warum weinen wir?

Weinen ist eine seltsame Sache. Wir können nicht vollständig erklären, was es ist oder wofür es da ist. Vor etwa 150 Jahren erklärte Darwin Tränen für „zwecklos“, dennoch tun wir es ständig. Ist etwas so häufiges wirklich „zwecklos“?

Eine Frau hat Tränen in den Augen. Warum wir weinen.

Das erste, was wir tun, wenn wir in diese Welt eintreten, ist weinen. Kinder machen es dann offen und ohne Scham, aber als Erwachsene fangen wir an, es zu verstecken. Männer haben oft das Gefühl, dass es nicht akzeptiert wird, dass sie weinen, während Frauen ständig beschuldigt werden, überempfindlich zu sein. Woher kommt weinen? Warum weinen wir überhaupt und wie viel ist zu viel?

Die kathartische Funktion – „Es geht mir schon besser“

Du weißt vielleicht, wie heilend es sich anfühlen kann, „alles rauszulassen“? Und das stimmt sogar auf chemischer Ebene.

Emotionale Tränen unterscheiden sich von ‚Reflextränen‘ (die den Augapfel nähren und schützen). Sie haben höhere Konzentrationen von Stresshormonen, enthalten ein natürliches Schmerzmittel und stimulieren die Produktion von Endorphinen – Hormone, die dazu beitragen, dass wir uns glücklich und zufrieden fühlen. So können emotionale Tränen als „emotionales Schmerzmittel“ dienen. Das nennt man die kathartische Funktion des Weinens.

Eine Studie ergab, dass sich bis zu 85% der Frauen und 73% der Männer nach dem Weinen besser fühlen. Es gibt eine emotionale heilende Wirkung zu weinen, die uns helfen kann, unsere Trauer zu überwinden, etwas Positives in diesem Prozess zu gewinnen und dann weiterzumachen.

Die soziale Funktion – eine stützende Schulter

Vielleicht weißt du wie bedeutend es sein kann, jemanden zu trösten, der weint, oder getröstet zu werden, wenn man traurig ist? Seltsamerweise ist die Konsistenz der emotionalen Tränen „klebriger“ als andere Arten von Tränen. Daher laufen sie uns langsamer über die Wangen. Einige Wissenschaftler sehen darin einen weiteren Beweis dafür, dass emotionale Tränen eine soziale Funktion haben.

Weinen kann ein Weg sein, um den Menschen um uns herum mitzuteilen, dass wir Trost, Unterstützung und Bindung brauchen. Die in der „Trösterrolle“, empfinden dabei Einfühlungsvermögen, Mitgefühl und möglicherweise Dankbarkeit dafür, dass ihnen etwas so Persönliches anvertraut wird. Die Offenlegung unserer Verletzlichkeit gegenüber anderen kann unsere Beziehungen stärken und uns helfen, schwierige Zeiten mit Hilfe anderer zu überwinden.

Emotionales Gleichgewicht – „Im Guten wie im Schlechten“

Neben der kathartischen Funktion und der sozialen Funktion des Weinens schlägt eine dritte Theorie das Weinen als wesentlichen Bestandteil einer ausgeglichenen inneren Gefühlswelt vor. Mit komplexeren Worten: eine Art, die emotionale Homöostase oder das emotionale Gleichgewicht aufrechtzuerhalten. Das bedeutet, dass Weinen, genau wie Lachen, ein Teil des Menschseins und der geistigen Gesundheit ist. Nach dieser Theorie sind Scham- oder Schuldgefühle, die diesen Prozess der Gefühlslinderung behindern, unnötig oder sogar kontraproduktiv.

Einfach ausgedrückt: Wenn wir das Bedürfnis haben zu weinen, sollten wir es auch und haben allenfalls jedes Recht dazu. Schließlich sind unsere Emotionen kurzlebige Empfindungen. Wir sind weder für langanhaltendes Glück noch für langanhaltende Traurigkeit geschaffen.

Traurigkeit lässt sich nicht in Millilitern messen

Manche Leute wünschen sich, sie könnten in bestimmten Momenten mehr weinen, aber die Tränen wollen einfach nicht kommen. Bei anderen geht das hingegen ganz schnell, auch wenn sie gar nicht so traurig sind. Es kann frustrierend sein, wenn das, was wir fühlen, nicht mit dem übereinstimmt, was wir ausdrücken wollen.

Klar ist aber: Sich selbst wegen etwas fertigzumachen, das man nicht kontrollieren kann, wird nicht helfen. Egal ob du oft oder selten weinst, deine Gewohnheiten, auch beim Weinen, sind ein Teil von dir. Außerdem wird Traurigkeit von innen erlebt. Niemand kann ihre Intensität sichtbar von außen messen – und niemand sollte es versuchen, nicht einmal du selbst.

Männer weinen nicht?

Auch heute noch gibt es viele Menschen, die glauben, dass Männer „hart“ sein müssen und niemals Verwundbarkeit zeigen sollten. Weinen Männer wirklich weniger als Frauen?

Eine Studie im Jahr 2002 untersuchte 31 Länder und stellte fest, dass Männer in jedem Land weniger weinten als Frauen. Im Durchschnitt weinten Männer einmal im Monat, während Frauen 2-3 Mal im Monat weinten. Es gibt jedoch einen kulturellen Einfluss: Zum Beispiel weinten Frauen in Peru weniger als amerikanische Männer. Und interessanterweise, weinen Jungen und Mädchen vor dem 12. Lebensjahr gleich viel. Erst nach der Pubertät entstehen die geschlechtsspezifischen Unterschiede.

Was auch immer deine Meinung über Geschlechterrollen ist: das Gefühl, unter Druck zu stehen bei einem natürlichen Bewältigungsmechanismus, der ja eigentlich den Druck verringern soll, ist schädlich. Das Tabu, das für Männer herrscht, Verwundbarkeit zu zeigen, kann weitreichende Folgen haben und eine überwältigende Anzahl von Herausforderungen verursachen. Nicht zuletzt wenn es darum geht, wie Männer Depressionen erleben!

Warnsignale des Weinens

Also, wann ist das Weinen zu viel geworden? Es gibt keine allgemeingültige Regel, denn auch der Kontext spielt eine wichtige Rolle. Trauerst du zum Beispiel gerade nach dem Tod einer dir nahe stehenden Person, ist häufiges Weinen nicht unbedingt der Ausdruck einer Störung. Den Unterschied zwischen Traurigkeit und Depression zu erkennen, ist hierfür also unerlässlich.

Vielleicht weinst du nicht nur oft, sondern fühlst dich auch niedergeschlagen, hast weniger Energie und weniger Freude an den meisten Dingen oder weniger Appetit. Du könntest dich sehr schuldig fühlen, ein geringes Selbstwertgefühl haben oder gerade Konzentrationsschwierigkeiten erleben – All diese Dinge sind Symptome einer Depression. Vielleicht weißt du gar nicht, warum du weinst. Hast du den Eindruck, dass sogar der Alltag von diesen Gefühlen und Schwierigkeiten betroffen ist?

All diese Warnsignale sind Anzeichen einer Depression oder eventuell einer Angststörung. Wenn dies der Fall ist, dann sind auch die früheren Funktionen des Weinens womöglich nicht mehr wirksam. Und es wird Zeit professionelle Hilfe in Betracht zu ziehen.

Selbstakzeptanz und Anzeichen erkennen

Weinen ist also keineswegs zwecklos! Egal wer du bist, wann und wie du weinst, es ist ein Teil von dir und wenn du lernst es zu akzeptieren, bist du schon einen Schritt weiter zur Selbstakzeptanz. Unsere Emotionen sind immerhin ein wichtiger und wunderbarer Teil des Menschseins.

Dabei darf man gleichzeitig die Anzeichen von Depression und Angst nicht unterschätzen. Auch Stress oder Burnout können unsere Emotionalität beeinflussen. Hinzu kommt, dass jede fünfte Person im Laufe ihres Lebens eine depressive Episode erleben wird. Nicht nur beim Weinen, sondern auch bei psychische Störungen wird klar: Es ist Zeit für Tabubruch und Aufmerksamkeit!

 

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