Depression erkennen

An welchen Anzeichen lässt sich eine Depression erkennen?

An welchen Anzeichen lässt sich eine Depression erkennen?

 

Im Alltag spricht man schnell davon, dass jemand „depressiv“ ist. Das ist nicht verwunderlich, schließlich war jeder schon einmal tieftraurig und niedergeschlagen. Woran aber lässt sich eine wirkliche Depression erkennen? Eine, die auch Ärzte und Therapeuten als Depression bezeichnen würden? Auch wenn es unterschiedliche Formen und Schweregrade gibt, wie sich Depressionen äußern können, so schildern Betroffene ihre Beschwerden doch ähnlich:

Die Welt wirkt grau und trüb, nichts macht mehr Sinn. Alles strengt einen an, sogar Aktivitäten, an denen man früher Spaß hatte. Die Freude ist einem abhanden gekommen. Man fühlt sich innerlich leer, über schöne Erlebnisse kann man sich nicht mehr freuen. Selbst von normalen Alltagstätigkeiten wie Kochen oder Körperhygiene fühlt man sich überfordert.

Die Diagnose einer Depression erfolgt nach internationalen Maßstäben

Die Unterscheidung, ob ein Mensch „deprimiert“ oder „depressiv“ ist, erfolgt nach klaren Kriterien. Zur Diagnose einer Depression greifen Psychotherapeuten und Ärzte auf die ICD-10, ein international anerkanntes Klassifizierungssystem von Krankheiten zurück. Dieses wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgeben und regelmäßig überarbeitet. Eine Depression ist somit eine Erkrankung und sollte auch als solche behandelt werden. Bei Betroffenen äußert sich die Krankheit in bestimmten Symptomen.

Depressive Symptome gliedern sich in Kern- und Zusatzsymptome

In der Fachsprache unterscheidet man bei Depressionen zwischen sogenannten Kern- und Zusatzsymptomen. Laut ICD-10 gibt es drei Kernsymptome und sieben Zusatzsymptome, anhand derer eine Depression diagnostiziert wird. Diese Symptome können in unterschiedlichen Kombinationen auftreten und unterschiedlich schwer ausgeprägt sein. Aus diesem Grund gibt es so viele verschiedene Formen von Depression. So klagen manche Menschen eher über körperliche Beschwerden und suchen zunächst nach einer physischen Ursache dafür. Im Zweifelsfall können die individuellen Variationen dazu führen, dass eine Depression nicht als solche erkannt wird.

Die drei Kernsymptome von Depressionen

Wie die Bezeichnung „Kernsymptome“ bereits andeutet, bilden diese das Zentrum der Beschwerden einer Depression. Mindestens zwei davon müssen vorliegen, damit eine sogenannte depressive Episode diagnostiziert wird.

Die drei Kernsymptome sind:

  • Niedergeschlagene, depressive Stimmung
  • Verlust von Interesse und Freude
  • Verlust von Antrieb und Energie

 

Selbst positive Ereignisse vermögen die getrübte Stimmung nicht aufzuhellen. Nicht ohne Grund leitet sich das Wort „Depression“ vom lateinischen Verb „deprimere“ ab, was „niederdrücken“ bedeutet. Angehörige beschreiben ihre betroffenen Mitmenschen oft als „den Tränen nahe“.

Nicht alle Menschen, die an einer Depression leiden, weinen den ganzen Tag.

Dass alle depressiven Menschen viel weinen, ist allerdings eine Illusion. Bei manchen ist dies der Fall, andere wiederum können gar nicht mehr weinen. Mitmenschen beschreiben das Verhalten von Betroffenen oftmals als teilnahmslos. Für Betroffene selbst fühlt es sich häufig an, als wären sie zu gar keinem Gefühl mehr fähig. Daher bleiben Aufmunterungsversuche von Mitmenschen oft ohne Wirkung.

Bei Depressionen gibt es sieben Zusatzsymptome

Die Zusatzsymptome einer Depression gruppieren sich um die Kernsymptome herum.

Die sieben Zusatzsymptome sind:

  • Verminderte Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit
  • Vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen
  • Schuldgefühle, Gefühle der Wertlosigkeit
  • Negative Gedanken und pessimistische Zukunftsperspektiven
  • Suizidgedanken oder –handlungen
  • Schlafstörungen
  • Verminderter Appetit

 

Einzelne Symptome können sich gegenseitig beeinflussen und aufeinander rückwirken. So neigen Menschen, die an einer Depression leiden, beispielsweise zum Grübeln. Gedanken, die um negative Erlebnisse kreisen, stören das Schlafverhalten. Schlechter Schlaf wiederum befeuert negative Gedanken oder verringert die Gedächtnisleistung, was wiederum Auswirkungen auf das Selbstvertrauen hat. Die negativen Gedanken sind in manchen Fällen so stark, dass sich Gedanken an den Tod aufdrängen. Spätestens, wenn Suizidgedanken hinzukommen, sollte sich eine betroffene Person professionelle Hilfe suchen. Eine psychotherapeutische oder ärztliche Behandlung von Depressionen zielt darauf ab, einen solchen Teufelskreis zu durchbrechen.

Eine Depression beeinträchtigt das gesamte Leben

Kaum eine Krankheit beeinträchtigt das Leben eines Menschen stärker als eine Depression. Auch für Angehörige bedeutet die Erkrankung oft eine enorme Belastung. Selbst von guten Freunden ziehen sich depressive Menschen oft zurück – aus Erschöpfung oder weil sie sich schämen. Da sich eine Depression auf Gefühle, Gedanken, Verhalten und Körper eines Menschen auswirken kann, betrifft sie den Menschen als Ganzes. Das gesamte Wohlbefinden ist betroffen.

Eine Depression betrifft den Menschen als Ganzes: Gefühle, Gedanken, Verhalten und Körper.

Eine Depression wirkt sich auf den gesamten Menschen aus: auf Gefühle, Gedanken, Verhalten und Körper.

 

Es gibt eine Reihe von Beschwerden, die zwar nicht zu den eigentlichen Symptomen von Depressionen zählen, die dennoch oft im Zusammenhang mit einer Depression auftreten. Eine Depression kann sich bisweilen hinter körperlichen Symptomen verstecken. Viele Betroffene suchen zunächst einen Hausarzt auf, weil sie sich ihre konstante Müdigkeit und Erschöpfung nicht erklären können.

Manchmal äußert sich eine Depression zunächst in körperlichen Beschwerden.

Darüber hinaus berichten Betroffene oft von unbestimmten Schmerzen im Kopf- oder Rückenbereich. Auch Verdauungsprobleme, Magen-Darm-Beschwerden oder Herzprobleme können auftreten. Bei Frauen sind Menstruationsbeschwerden in Kombination mit Depressionen nicht selten. Viele Betroffene verlieren außerdem ungewollt an Gewicht. Die Libido – die Lust an Sexualität – leidet.

Ein Warnsignal: Wenn man keine Lust mehr auf Sex hat und es einem morgens schlechter geht als abends.

Als Folge der Schlafstörungen ist die Stimmung häufig besonders morgens gedrückt. Man spricht in diesem Zusammenhang auch vom „Morgentief“. Angehörige berichten bisweilen, dass Bewegungen und Sprache von depressiv Erkrankten verlangsamt oder – im Gegenteil – nervös beschleunigt sind. Wenn diese Verlangsamung extreme Formen annimmt und eine Art Erstarrung eintritt, sprechen Fachleute auch von „depressivem Stupor“. Bei extrem schweren Depressionen können zusätzlich psychotische Symptome wie Wahnideen oder Halluzinationen auftreten. Oft äußern sich diese als Verarmungswahn oder Katastrophenvorstellungen.

Eine depressive Episode kann behandelt werden

Für eine Diagnose kommt es nicht nur darauf an, welche Symptome vorliegen, sondern auch wie lange. Man spricht von einer sogenannten depressiven Episode, wenn eine gewisse Anzahl an Symptomen über den Zeitraum von mindestens zwei Wochen kontinuierlich vorliegt. Dabei gibt es unterschiedliche Schweregrade. In Fachkreisen unterscheidet man in leichte, mittelgradige und schwere depressive Episoden. Von einer leichten depressiven Episode spricht man, wenn zwei Kern- und zwei Zusatzsymptome mindestens 14 Tage lang vorliegen.

Mit professioneller Behandlung gehen depressive Episoden schneller vorüber.

Die Bezeichnung „Episode“ deutet bereits darauf hin, dass eine Depression auch wieder vorübergeht. Dennoch kann eine solche Phase lange anhalten. Mit professioneller Behandlung lässt sich der Zeitraum der depressiven Episode deutlich verringern. Wenn depressive Symptome frühzeitig erkannt werden, kann man rechtzeitig gegensteuern – mit dem Ziel, so bald wie möglich zu einem stabilen und ausgeglichenen Leben zurückzukehren.

 

Foto von Volkan Ölmez